Nach dem Gespräch mit dem Dain kehrten wir in unser Quartier zurück. Die Anspannung des Auftrags lag noch in der Luft, doch nun galt es, die nächsten Schritte zu planen. Korrgrim erklärte, dass er bereits am folgenden Tag nach Caer Konig aufbrechen wolle, um nicht erst am Tag unserer Verabredung dort einzutreffen. Seine Entscheidung kam überraschend, doch sie war nachvollziehbar. Auch ich wollte keinesfalls zu spät erscheinen, weshalb mir bewusstwurde, dass ich meine Schmiedearbeiten schneller voranbringen musste, als ich es ursprünglich vorgesehen hatte.
Wir teilten die Aufgaben unter uns auf. Korrgrim widmete sich weiterhin den notwendigen Ausbesserungsarbeiten, Shenmi kümmerte sich um ihre Ausrüstung und bereitete ihr Gepäck vor. Baris wollte den Meister der Hallen aufsuchen, um ihn über unsere jüngsten Entdeckungen zu informieren. Thestalos äußerte den Wunsch, die Zwergenstätte in Ruhe zu erkunden. Orthum und ich begaben uns schließlich in die Schmiede, um die Arbeit an meiner Rüstung zu vollenden.
Die Stunden vergingen rasch. Das gleichmäßige Hämmern, die Hitze des Feuers und die Konzentration auf jedes einzelne Detail ließen die Zeit beinahe vergessen. Als wir das Werk schließlich abschlossen und meine Rüstung wieder vollständig und in neuem Glanz vor mir stand, verspürte ich eine tiefe Zufriedenheit. In diesem Moment trat Baris mit einer Schüssel dampfenden, köstlich duftenden Essens zu uns. Nach den langen Stunden der Arbeit tat diese einfache Geste gut. Wir setzten uns kurz, aßen und berichteten ihm, dass wir soeben fertig geworden waren und nun gemeinsam zurück in unser Quartier gehen wollten.
Baris erwähnte, dass nebenan offenbar noch etwas im Gange sei, und bat uns, ihn zu begleiten. Neugierig folgten wir ihm und gelangten zu einer zwergischen Schenke, aus der Stimmen und Gelächter drangen. Dort hörte ich Thestalos’ Stimme, deutlich und lebhaft. Er erzählte von unserer Begegnung mit den Drow, und eine Traube von Zwergen hatte sich um ihn versammelt. Sie lauschten aufmerksam, reagierten mit Ausrufen und zustimmendem Murmeln. Als wir eintraten, stellte er uns als die Helden der Tiefen vor, was mir gleichermaßen unangenehm wie schmeichelhaft war. Der Wirt reichte uns ein kräftiges Bier und erklärte, es gehe auf das Haus. Wir nahmen es dankbar an und machten uns nach einiger Zeit auf den Rückweg.
Auf halber Strecke hörten wir Gesang durch die Hallen klingen. Mehrere Zwerge stimmten ein Lied an, kraftvoll und getragen von spürbarer Freude. Als wir einen von ihnen fragten, was es mit diesem Gesang auf sich habe, erfuhren wir, dass zwergische Kämpfer von Kragus dank unserer Informationen ein weiteres Lager der Drow hatten ausheben können. Die Nachricht hatte sich rasch verbreitet und wurde nun mit einem Siegeslied gefeiert. Der Gesang erfüllte die Hallen mit einer feierlichen Stimmung, die selbst mich ergriff.
Als wir schließlich unser Quartier erreichten, musste ich Orthum ein wenig stützen, da das starke Bier ihm mehr zugesetzt hatte, als er erwartet hatte. Kaum hatten wir die Tür geöffnet, bemerkten wir jedoch, dass wir nicht allein waren. Ein weiterer Zwerg wartete bereits auf uns. Korrgrim stellte ihn uns als Brakur vor. Er war vom Dain entsandt worden, um uns auf dem Weg nach Morbar zu begleiten.
Noch am selben Abend bat Korrgrim Orthum und mich um ein Gespräch unter sechs Augen. Wir zogen uns ein Stück zurück, um ungestört sprechen zu können. Er wirkte ernst und sichtlich besorgt. Baris, so berichtete er, habe den Meister der Hallen hierhergebeten, um ihn zu fragen, ob er in der besonderen Bibliothek Einsicht nehmen dürfe, wie man Chardalyn bearbeitet.
Korrgrim war darüber alles andere als erfreut. Nach dem Fund des Chardalyns und insbesondere nach unseren Begegnungen mit dem bereits korrumpierten Material hatten wir uns klar darauf verständigt, dieses Gestein nicht weiter anzufassen. Die Erinnerung an das, was es mit sich bringen konnte, war noch zu frisch. Der Meister der Hallen hatte Baris den Zugang selbstverständlich verweigert und deutlich gemacht, dass er diese Anfrage nicht gutheißen konnte.
Doch damit nicht genug. Kaum war der Meister gegangen, hatte Baris ein Stück reinen, klaren Chardalyns aus seinem Rucksack geholt und es offen vorgezeigt. Unser Gast Brakur reagierte umgehend und wies ihn darauf hin, dass es unklug sei, diesen Kristall hier so zur Schau zu stellen. Gerade wegen dieses Materials sei es in den Hallen einst zu einem Bürgerkrieg gekommen. Baris versuchte noch zu argumentieren, doch schließlich steckte er das Stück wieder ein.
Korrgrims Schlussfolgerung überraschte mich daher nicht. Sein Misstrauen war gewachsen, und ich konnte es nachvollziehen. Ich stimmte ihm zu, auch wenn ich selbst ein kleines Stück Chardalyn bei mir trug. Dieses Detail behielt ich jedoch vor den Zwergen hier für mich. Meinen Gefährten war es bekannt.
Am nächsten Mittag sollte unser Aufbruch nach Caer Konig erfolgen, und so legten wir uns zur Ruhe. Der Schlaf tat gut, denn die vergangenen Tage hatten uns viel abverlangt.
Am Morgen kündigte Thestalos an, er wolle direkt in sein Amulett zurückkehren, um uns die Reise zu erleichtern. Ich bat ihn jedoch, noch zu warten, bis wir den Eingang des Zwergental erreicht hätten. Es erschien mir nur recht, dass er den Ort, an dem er so lange gelebt hatte, noch einmal bewusst sehen konnte. Er ließ sich darauf ein und begleitete uns ein letztes Stück durch die Hallen.
Am Tor angekommen verabschiedete er sich von uns. Ich erklärte ihm, dass ich ihn erst wieder rufen würde, wenn ich eine passende Winterausrüstung für ihn besorgt hätte. Er versicherte mir, dass er meine Worte hören könne, wenn ich zu ihm spräche, auch wenn er sich im Amulett befand. Antworten, so sagte er, könne ich jedoch erst erwarten, wenn er wieder herausträte.
Eine Gruppe von Zwergen, die uns bereits bei unserer Ankunft im Zwergental empfangen hatte, begleitete uns auf Geheiß des Dains bis über die Grenzen ihres Reiches hinaus. Vorsicht war angebracht. Nach etwa eineinhalb Stunden verließen wir das Tal endgültig und setzten unseren Weg nach Caer Konig fort. Orthum und Shenmi ritten auf Axschnäbeln, was trotz der ernsten Lage einen amüsanten Anblick bot.
Die Reise verlief ohne Zwischenfälle, wofür ich dankbar war. Gesund erreichten wir schließlich Caer Konig. Unser erster Weg führte uns ins Far Expedition, wo wir Atenas und Jarthra antrafen. Die Freude über das Wiedersehen war aufrichtig, und wir wurden herzlich begrüßt. Ich erkundigte mich bei Atenas, ob er noch eine Winterausrüstung zur Verfügung habe.
Während Shenmi gemeinsam mit Baris unsere Tiere versorgte und in die Ställe brachte, stellte Korrgrim Jarthra unseren Begleiter Brakur vor. Sie musterte ihn neugierig und konnte es sich nicht verkneifen, ihn ein wenig aufzuziehen, da er sich wie so oft eher wortkarg zeigte.
Atenas wollte nun wissen, für wen die Winterausrüstung bestimmt sei, da sie angepasst werden müsse. Ich bat ihn und Jarthra, sich nicht zu erschrecken, denn unser neues Mitglied würde gleich aus dem Amulett erscheinen, das ich bei mir trug. Als Thestalos in purpurnem Rauch vor uns Gestalt annahm, ließ Atenas die Ausrüstung vor Überraschung fallen, während Jarthra sichtlich amüsiert reagierte. Sie schien Gefallen an diesem Auftritt zu finden.
Thestalos stellte sich mit gewohnter Höflichkeit vor, und Jarthra reichte ihm die Winterkleidung mit einem Lächeln und der Aufforderung, sie doch gleich anzuprobieren. Er nahm es mit Charme und einer Selbstverständlichkeit, die zeigte, dass er sich unter uns inzwischen wohlfühlte, und kam ihrer Bitte ohne Zögern nach.
Wir erfuhren, dass die Barbaren, mit denen wir uns in Caer Konig verabredet hatten, bereits am Vortag eingetroffen waren und im Hook, Line and Sinker auf uns warteten. Dennoch war es mir wichtig, zunächst Trovus aufzusuchen und ihn als Sprecher der Stadt in die anstehenden Gespräche einzubeziehen. Auch wenn einige aus unserer Gruppe lieber direkt ins Gasthaus gegangen wären, hielten wir gemeinsam an diesem Plan fest.
Im Haus des Sprechers wurden wir von Iden begrüßt, der im Vorraum am Kamin stand und sich sichtlich freute, uns wiederzusehen. Er teilte uns mit, dass Trovus sich in seinem Büro befinde. Den Weg kannten wir noch gut. Vor einer der Türen trafen wir auf William, der weiterhin Wache vor Staivals Unterkunft hielt. Er berichtete uns, dass Staival sich unverändert verhielt, lautstark klagte und keinerlei Einsicht zeigte. William fügte hinzu, dass diese Situation auf Dauer nicht tragbar sei. Wir stimmten ihm zu und versprachen, nach einer anderen Lösung zu suchen.
Bereits zuvor hatten wir von Atenas erfahren, dass ein Jünger Aurils in die Stadt gekommen war, um nach seinen gefallenen Gefährten zu suchen. Seine Anwesenheit hatte für Unruhe gesorgt und ließ erahnen, dass weiterer Ärger folgen könnte. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf setzten wir unseren Weg fort und traten schließlich in Trovus’ Arbeitszimmer ein.
Trovus begrüßte uns mit ehrlicher Freude und ließ seinen Blick aufmerksam über unsere neuen Begleiter gleiten. Brakur und Thestalos musterten ihn ebenso aufmerksam, und ich hatte den Eindruck, dass sich in diesem kurzen Austausch mehr erschloss, als ausgesprochen wurde. Auf seine Frage hin, wie Thestalos so lange im Zwergental habe verweilen können, erklärte dieser ruhig, dass er aus einem Amulett stamme. Trovus zeigte sich interessiert und bat darum, es einmal in die Hand nehmen zu dürfen. Thestalos willigte ein. Kaum hielt Trovus es, fragte er, mit wem Thestalos einen Pakt geschlossen habe. Dieser musste jedoch eingestehen, dass er dies nicht wisse und in jungen Jahren getäuscht worden sei. Der Dschinn, so erklärte er, sei nicht mehr präsent. Trovus reagierte mit einem nachdenklichen Lächeln, als habe er eine Vermutung bestätigt gesehen.
Auch Thestalos und Brakur war nicht entgangen, was mir bereits bei unserer ersten Begegnung aufgefallen war: Trovus trug die Haltung und Rüstung eines Mannes, der einst als Paladin gedient hatte. Mehr hatte ich nie darüber erfahren, doch dieser Eindruck bestätigte sich erneut.
Trovus berichtete uns, dass Boragrim unmittelbar nach seiner Ankunft zu ihm gekommen sei, um ihm als Sprecher der Stadt seinen Respekt zu erweisen. Anschließend habe er sich ins Hook, Line and Sinker begeben, um dort auf uns zu warten. Auf unsere Nachfrage nach dem Jünger Aurils erklärte Trovus, dieser habe in der Stadt nach seinen gefallenen Gefährten gesucht. Man habe ihm den Aschehaufen auf dem Marktplatz gezeigt und ihn deutlich darauf hingewiesen, dass ihm und allen anderen das gleiche Schicksal drohe, sollten sie Unruhe stiften. Daraufhin habe er die Stadt überstürzt verlassen. Dennoch bleibe die Lage angespannt, solange Staival sich hier aufhalte, da seine bloße Präsenz eine Gefahr für die Stadt und ihre Bewohner darstelle. Wir versprachen, nach einer Lösung zu suchen, und erwogen, ihn mitzunehmen und im Haus der Triaden unter Bewachung unterzubringen.
Anschließend machten wir uns gemeinsam auf den Weg zum Gasthaus, in dem die Barbaren auf uns warteten. Als wir eintraten, sahen wir Hengrim an der Theke neben Glen, dem Wirt. Er teilte uns mit, dass sein Vater oben auf uns warte und mit uns sprechen wolle.
Im oberen Raum saßen Boragrim, Svala und Raska an einem Tisch. Nach einer kurzen Begrüßung kam Boragrim ohne Umschweife zur Sache. Sein Clan habe sich gegen unsere Bitte ausgesprochen. Sie würden das Caer Varad nicht besetzen. Innerhalb der Clans gebe es derzeit erhebliche Spannungen. Ein Clan strebe nach Vorherrschaft über die anderen, während ein weiterer auseinanderzubrechen drohe. Ein dritter verhalte sich ungewöhnlich zurückhaltend. Einige wollten sich grundsätzlich nicht in die Angelegenheiten anderer einmischen, während andere ihre Kräfte im Osten bündelten, um dort die Pässe zu sichern. Kreaturen drängten aus dieser Richtung vor und bedrohten die Naturgeister ihres Landes, was sie um jeden Preis verhindern wollten.
Wir berichteten Boragrim daraufhin, dass die Chwingas mit uns Kontakt aufgenommen hatten und uns rufen würden, wenn es notwendig sei, den Weltenbaum zu verteidigen. Auf unsere Frage, ob er diesen Ort kenne, bestätigte er es. Den genauen Weg wolle und könne er uns jedoch nicht nennen. Wenn die Zeit gekommen sei, so sagte er, würden wir ihn finden.
Als mir und Shenmi auffiel, dass Boragrim sich verändert hatte, nachdem er den Tisch verlassen hatte, sahen wir uns kurz an und beschlossen, ihm zu folgen. Bereits zuvor hatten seine Töchter angedeutet, dass ihr Volk stolz sei und ihr Vater uns, wenn überhaupt, nur aus eigenem Antrieb jene Informationen geben würde, die wir benötigten. Sie hatten von merkwürdigen Vorgängen gesprochen, die sie selbst nicht erklären konnten, von Dingen, über die nur er sprechen würde, wenn er es für richtig hielte.
Als Boragrim sich unten bei Hengrim etwas abseits gestellt hatte, traten wir zu ihm. Er wirkte überrascht, uns dort zu sehen. Ich erklärte ihm ruhig, dass wir den Eindruck hätten, er habe noch nicht alles gesagt. Nach einem kurzen Zögern entschloss er sich, offener zu sprechen. Seine Stimme wurde leiser, und seine Worte wogen schwer.
Er berichtete, dass einer der Clans dem Wahnsinn verfallen sei. Sie sprächen von der Reinheit ihres Blutes, töteten ihre eigenen Mitglieder und verzehrten sie. Der Irrsinn sei ihnen in die Augen geschrieben. Ein Clan hatte begonnen Fremde in ihren Reihen aufzunehmen. Andere Clans wiederum hätten sich von ihrem Gott Tempus abgewandt und sprächen nun von Auril. Die Einigkeit, die vor etwa hundert Jahren durch einen einzelnen Barbaren geschaffen worden war, existiere nicht mehr. Stattdessen herrschten Misstrauen und Spannungen zwischen den Clans. Niemand wage es, die traditionelle Herausforderung auszusprechen, mit der ein neuer Anführer aller Clans bestimmt werden könne. Der Zustand sei in seinen Augen eine Katastrophe.
Ich bot ihm an, dass wir nach Abschluss unseres Auftrags in Morbar auch den Barbaren helfen würden, sofern es in unserer Macht stünde. Boragrim erwiderte, er wolle seine Töchter entsenden, um den Kontakt zu uns zu halten. Ich widersprach und erklärte ihm, dass dies nicht nötig sei. Korrgrim und Orthum verfügten über die Möglichkeit, gedanklich mit ihm in Verbindung zu treten. Er könne uns in kurzen, klaren Worten antworten, ohne seine Töchter einem Risiko auszusetzen. Wir vereinbarten, uns jeden zweiten Tag bei ihm zu melden. Boragrim zeigte sich erleichtert über diesen Vorschlag, und wir kehrten gemeinsam zu den anderen zurück.
Auch Baris brachte sich ein und bot an, dass sich die Barbaren im Caer Varad mit Vorräten und Waffen versorgen könnten. Da es nicht weit von den Pässen entfernt lag, an denen sie kämpften, würde es ihnen zugutekommen. Sogar den Schlitten, den wir dort untergestellt hatten, könnten sie nutzen. Boragrim dankte uns aufrichtig, und wir verabschiedeten uns.
Anschließend begaben wir uns zurück ins Haus des Sprechers. Nach einer kurzen Besprechung in Trovus’ Büro zogen sich die anderen zurück, während ich noch einen Moment mit Korrgrim blieb. Er überreichte Trovus ein aufmerksames Geschenk, das dieser mit sichtbarer Wertschätzung entgegennahm. Danach verabschiedeten auch wir uns und kehrten in unsere Gemächer zurück.